To Absent Friends! Zum Tode Patrick Stewarts, ein Nachruf eines Fans

    To Absent Friends! Zum Tode Patrick Stewarts, ein Nachruf eines Fans

    Sir Patrick Stewart ist gestorben. Für die allermeisten kam dies überraschend und daher traf die Nachricht umso stärker. Genau so erging es auch mir.

     

     

    Es war eine schlechte Woche für Star Trek-Fans. Erst wenige Tage zuvor verstarb Walter Koenig, dessen Figur des Pavel Chekovs in der Original-Serie zwar nie so viel zu tun hatte, aber der trotzdem einen besonderen Platz im Herzen der Fans einnahm, auch lange nachdem er die Rolle zum letzten Mal gespielt hatte.

     

    Koenig und Stewart trennten nur vier Lebensjahre und es mag vielleicht ungewöhnlich erscheinen, dass der Tod eines 86-jährigen Mannes überrascht, während der eines 90-Jährigen eher mit Verständnis aufgenommen wird.

     

    Aber Stewart tat sich eben, solange er in der Öffentlichkeit erschien, auch durch seine Vitalität hervor. Sein markantes Äußeres war für viele auch kaum verändert seit den Tagen, als er das erste Mal als Captain Picard auf den Fernsehschirmen erschien.


    Wer seine Auftritte verfolgte, merkte zwar, dass seine Stimme etwas brüchiger war und er vielleicht langsamer lief, aber dennoch gab es keinen Anlass zu denken, dass uns dieser Mann noch lange begleiten würde. Sein Kollege im Kapitänssessel, William Shatner, zeigt ja mit 95 noch, dass Alter nur eine Zahl sein kann. 

     

     

    Aber nun ist Patrick Stewart von uns gegangen. Nach einer kurzen Erkrankung an Alzheimer und Lewy-Körperchen-Demenz, wie seine Familie erklärte. 

     

    Für mich ist er untrennbar mit Jean-Luc Picard verbunden. Die Rolle, die ihm relativ spät in seiner Karriere (er war 46, als er sie bekam) weltweiten Ruhm und eine treue Fangemeinde einbrachte.

     

    Ihn auf Picard zu reduzieren, wäre absolut unangemessen. Schon allein deshalb, weil er als Prof. Charles Xavier in den X-Men-Filmen eine weitere ikonische Figur der Popkultur verkörperte. 

     

    Es sind noch viel mehr Rollen in Film, Fernsehen und vor allem im Theater, die seine ganze Bandbreite zeigten. Seine erste Liebe war die Bühne und entsprechend hatte er dort viel mehr Möglichkeiten, sein Talent auszuleben.


    Stewarts Porträt von Picard war auch von seinen Theatererfahrungen geprägt. Die Professionalität, die Hingabe an die Rolle, das Vorbild, das er für seine Kollegen war – all das floss mit in diese Figur ein und das Ergebnis war so viel mehr, als es sich die Macher der Serie wohl erhofft hatten. Gene Roddenberry, der Schöpfer von Star Trek: The Next Generation, war von ihm in der Rolle nicht überzeugt, wenn man Stewarts Eindrücken des Verhältnisses der beiden glauben möchte. 


    Vermutlich hatte jener einen Kirk 2.0 im Sinn. Zumindest verrät dies eine Anekdote aus Stewarts Autobiografie „Making it so“. Roddenberrys einzige Empfehlung, wie Stewart den Charakter angehen sollte, war, die „Horatio Hornblower“-Bücher zu lesen. Diese Seefahrer-Heldenfigur war aber auch schon für James T. Kirk das Vorbild.

     

    Die Kritik, das Publikum und vor allem auch Fans der Originalserie waren anfangs sehr skeptisch angesichts dieses glatzköpfigen „unbekannten britischen Shakespeare-Darstellers“ (wie es die LA Times ausdrückte). Etwas, was man sich heute kaum noch vorstellen kann.

     

    Letzten Endes machte sich Stewart Picard ganz zu eigen. Natürlich sind es die Autoren, die am Ende einen Charakter definieren, aber ebenso stimmt es, dass in einer Fernsehserie die Schauspieler gleichermaßen enormen Einfluss darauf haben, wie Autoren diesen Charakter sehen. Sie schreiben dann auf die Stärken des Darstellers hin. 

     

    Stewarts Picard ist eine Heldenfigur, wie es zu dieser Zeit nur wenige gab. Ein Anführer, der nie die Stimme erheben muss, der seine Untergebenen mit klaren Entscheidungen führt, aber zuvor alle zu Wort kommen lässt. Jemand, der Gegenrede erlaubt und wertschätzt, der alle fair behandelt und im Gegenzug vollen Einsatz erwartet.

     

    Etwas, was alle, die für ihn arbeiten, auch gerne tun. Hier fürchtet die Crew nicht den Zorn ihres Captains, sondern ihn zu enttäuschen.
    Er ist belesen, diplomatisch, zurückhaltend, höflich, aber auch entscheidungsschnell, mitunter risikofreudig und alles in allem sehr moralisch, wenn es um die Grundlagen seiner Entscheidungen geht. 

     

     

    Es ist kein Wunder, dass die Art und Weise, wie Führungsqualitäten in der Serie porträtiert wurden, beim US-Militär als Lehrmaterial eingesetzt wurde.

     

     

    Und für mich war Picard mein erstes Rollen-Vorbild, ein Idol, wenn man diese große Wort bemühen will. Etwas, was mir erst später wirklich bewusst wurde. Star Trek: The Next Generation war für einen jungen Science-Fiction-Liebhaber wie mich eine Offenbarung. Etwas Ähnliches gab es zuvor in einer ohnehin Sci-Fi-armen deutschen Fernsehlandschaft nicht zu sehen. Inhalt und Produktionsqualität waren der Konkurrenz meilenweit voraus, aber es waren die Charaktere, die einen zum Fan werden ließen.

    Es war meine Lieblingsserie, die ich in einem Alter sah, wenn man im Übergang vom Kind zum Jugendlichen allmählich die große Welt da draußen und was alles in ihr passiert zu begreifen beginnt.  

     

     

    Next Generation bot eine klare Haltung, wie man zur Welt und zu den Menschen stehen sollte; Captain Picard war die Verkörperung dieser fortschrittlichen Haltung – und Patrick Stewart die Verkörperung dieser Figur. 

     

     

    Picard war für mich die Idealvorstellung wie jemand Verantwortung für sich und andere übernahm und der Kompass war, an dem sich alle orientierten.

    Ein Held, der nicht in das Schema passte, wie man es bis dato vom Fernsehen (und auch Film) gewohnt war. Das kam über alle Grenzen hinweg auf der ganzen Welt an. 


    Picard wurde zum Vorbild eines Anführers, eines verständnisvollen und weisen Freundes – und für nicht wenige – aus eben jenen Gründen – sogar ein Sexsymbol. Allen Unkenrufen über seine fehlende Haarpracht zum Trotz. 
    Etwas mehr lachen hätte er können. Aber wer ist schon perfekt?

     

     

    Als Leonard Nimoy starb, hielt ich für mich fest, dass es Spock (und damit auch Nimoys Schöpfung) war, die Star Trek überhaupt erst zu dem machte, was es ist. 


    Ich möchte behaupten, dass Picard eine ganz ähnliche Bedeutung für das Franchise hatte. Hätte Picard nicht funktioniert, wäre die Serie niemals ein Erfolg geworden – und hätte damit allen Skeptikern Recht gegeben. Es hätte dann keine Spin-Offs gegeben, keine weiteren Filme. 

     


    Aber es hat funktioniert und möglich gemacht hat es Patrick Stewart. Seine Wirkung hält bis heute an, wie man immer noch beobachten kann, wenn jemand heute die Serie für sich neu entdeckt.

     

    Dass Stewart vor einigen Jahren noch einmal in diese Rolle zurückkehrte und dabei gerade in der letzten Staffel von Star Trek: Picard uns alten Fans nochmal Gänsehaut-Momente bescherte, dafür sind wir ihm dankbar. 

     

     

    Als jemand, der dabei war, als ihn ein weltweites Publikum das erste Mal entdeckte, bin ich noch mehr dankbar für alles, was er mir als ganz kleinem Teil seines Publikums als Geschenk gab. 


    Sein Talent, seine Kunst, seine Persönlichkeit, seine unbestreitbare Präsenz werden mich mein Leben lang weiter begleiten.

      

     

    Und wenn ich merken sollte, dass die Erinnerung daran schwindet, brauche ich nur Star Trek: The Next Generation wieder anzuschauen und das Gefühl wird wiederkehren, was er mir bedeutet hat. 

     


    Mein Freund.
    Mein Held.

     

    Mein Captain.